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Interview Barren Cross, Teil 2

Im Rahmen vom Elements of Rock Festival in der Schweiz hatten unsere Redakteure Andreas Voßeler und Daniel Frick die Möglichkeit, mit den White-Metal-Veteranen von „Barren Cross“ eine Interview über die pionierhafte Vergangenheit der Band, aber auch über aktuelle Pläne mit der Band zu unterhalten. Es gibt viele Anekdoten zum Schmunzeln und spannende Neuigkeiten, für alle, die DIE Pionierband der christlichen Rockmusikszene noch von früher kennen und lieben - Hier Teil 2 des Interviews.

Gab es denn einen Zeitraum in eurer Bandgeschichte, in der ihr mit der Musik genug Geld verdient habt, um davon leben zu können?

RP: Von 1985 bis 1990 hab ich recht gut von der Band gelebt. Ich kriege noch heute Tantiemen über ITunes. Gott sei Dank gibt es ITunes. (Lacht) Zu der Zeit hatte allerdings auch noch keiner von uns Kinder oder eine Familie, und dafür hat es gereicht. Drei von uns haben in der Zeit davon gelebt. Ich habe so viele Geschichten von christlichen Künstlern gehört,  die ihre Häuser verloren haben und solche Dinge. Ich denke, Gott hat seine Hand über uns gehalten. Er hat uns die Gelegenheiten für die Auftritte verschafft und dadurch konnten wir viele Türen öffnen.

JLV: Es gibt einen alten Witz: Wie nennt man einen Musiker ohne Freundin? Obdachlos! Wir haben nicht mit unseren Freundinnen zusammengelebt. Wir waren Singles. Keine Familie, keine Kinder. Man muss die ganze Zeit Konzerte spielen und von zu Hause weg sein. Und das haben wir getan. Wir haben 3 oder 4 Jahre damit verbracht beständig überall in Amerika Konzerte zu spielen.

Wir haben hier ein Bild für euch. Wir möchten euch bitten, es euch anzusehen, die Personen darauf und wie sie gekleidet sind. Und dann sagt uns, was euch bei dem Anblick als erstes einfällt. (Zeigen das Plattencover von “Rock for the King”)

barren-cross-rock-for-the-king  album cover

RP: Bilder wie diese bekomme ich immer wieder gezeigt, dauernd, es ist echt lustig. Das erste was mir in den Sinn kommt, ist, dass ich 45 Kilo weniger gewogen habe. (lacht) Zu der Zeit ging gerade die Glamrock-Ära zu Ende. Um ehrlich zu sein, gibts zu dem Bild eine ziemlich lange Geschichte. Das, was man auf dem Bild sieht, war eigentlich nur die Unterwäsche vom eigentlichen Kostüm. Das war aus Leder, die Lederbeinkleider gingen fast bis zur Hüfte, so dass man eigentlich nur den oberen Teil der Unterwäsche sehen konnte. Nur wurden uns die Lederteile aus dem Auto geklaut und daher konnten wir den Fototermin für das Plattencover eben nur mit dem halben Kostüm machen. Mit der Unterwäsche. (Lacht). Ich weiss nicht, ob ich die Geschichte schon mal jemandem erzählt habe.

JLV: Die erste Sache, die ich denke ist: „Was haben die sich dabei gedacht? Was haben sich diese Typen dabei gedacht?“ und „Passen die heute immer noch in diese Outfits rein? Würden Ihnen diese Teile heute immer noch passen?“

Wisst ihr, ob jemand mal herausgefunden hat, daß es nur das halbe Kostüm war? Weil du gerade sagtest, du hättest die Geschichte noch nie erzählt.

RP: So Geschichten gibt es immer wieder. Wisst ihr, unser zweites Musikvideo zu “Crying over you”, das bei MTV lief, war gar nicht das richtige Video. Das waren nur die Hintergrundaufnahmen. Die sollten in den Hintergrund projiziert werden, davor sollten ein Schauspieler und ein Fotomodell eine richtige Geschichte spielen. Aber irgendwas ist dann schief gelaufen und deshalb besteht das Video lediglich aus den Hintergrundaufnahmen.

Wie kam es dann zu eurer Reunion 2005? Hattet ihr euch überhaupt jemals offiziell aufgelöst oder habt ihr einfach aufgehört Konzerte zu spielen? Seid ihr irgendwann zur Presse gegangen und habt gesagt: “Barren Cross ist zu Ende, wir hören auf.”

RP: Wir haben 2002 in Kalifornien ein Konzert gegeben, das wir “Reunion Konzert” nannten. Wir waren damals nicht zur Presse gegangen oder so, aber 1990 hatten wir uns offiziell getrennt. Mike hatte die Band verlassen und Jim und ich haben die Tour mit ein paar Gastmusikern zu Ende gebracht, das war, als wir auch in Deutschland waren. Wir waren schon ein halbes Jahr im voraus gebucht worden und wir hätten einen Monat der Tour absagen müssen. Das erschien mir nicht recht, ich fand, wir hatten uns verpflichtet. Wir haben die Tour im Juli beendet, dann noch auf dem Cornerstone Festival und ein weiteres Konzert in Texas gespielt. Als wir dann nach Hause kamen, war es offiziell zu Ende. 

Hatte Steve Whitaker die Band auch verlassen?

RP: Nein, er war zu dem Zeitpunkt schon verheiratet, er nahm nur eine Pause und war nicht ausgestiegen. Also haben wir einen Ersatzschlagzeuger mit auf die Tournee genommen, aber Steve wollte bei den Aufnahmen zur nächsten Platte dabei sein. Er musste einfach mal eine Pause vom Tourleben nehmen und seine Frau besuchen. Es ist ganz schön hart, als verheirateter Mann so lange von zu Hause weg zu sein.

Wie kam es dann zur ersten Reunion 1995 und zur zweiten sieben Jahre später?

RP: Oh  Mann, ich hab keine Ahnung. (lacht). Wahrscheinlich hat irgendjemand jemand angerufen, der hat dann jemand anders angerufen und so kamen wir wieder zusammen und haben geplaudert. Ich glaube es war ein Freund von uns, der damals Rugged Records gestartet hat. Ich glaube, er war an uns herangetreten, wahrscheinlich an Steve und hatte uns gefragt, ob wir noch eine Platte machen wollten. Da haben wir dann wieder angefangen miteinander zu reden und uns dann entschieden, noch eine zu machen.

Und dann seid ihr mit „Rattle your Cage“ wieder auf Tour gegangen?

RP: Ja, aber es war keine normale Tour, wir haben vielleicht einmal im Monat ein Konzert gegeben und sind dazu dann an den entsprechenden Ort geflogen. Wir hatten ja alle unsere Jobs, unsere Familien und Kinder. Also sind wir freitags hingeflogen, hatten am Samstag unseren Auftritt und flogen am Sonntag wieder nach Hause. Das haben wir so ungefähr ein Jahr lang gemacht.

Und was habt ihr zwischen 1995 und 2002 gemacht? Ray, als ich dich 2005 bei deinem letzten Konzert hier auf dem Elements of Rock gefragt habe, meintest du, du würdest in einer Bank arbeiten?

ray parrisRP: Ich hab als Landstreicher unter einer Brücke gelebt. (Grinst). Also, lasst mich mal nachdenken: Ich habe geheiratet, wir haben unsere Kinder bekommen und ich arbeitete. Ich arbeitete für eine Bank und seither habe ich immer im Verkauf gearbeitet. Heute verkaufe ich Software. Ich habe dann auch noch meinen Abschluss in Theologie gemacht. Ich habe ein Diplom von der Vanguard Universität, das ist eine christliche Hochschule in Kalifornien. Ich war auch in der Kirche sehr eingebunden, ich leitete den Lobpreis und einen Hauskreis in meiner Gemeinde und war auch im Gemeindevorstand. In der Zeit war ich also auch sehr aktiv, aber eben nicht mit der Band unterwegs.

Du sagtest, du wärst auch Lobpreisleiter gewesen. Hattest du denn auch andere Musikprojekte? Mike Lee hatte ja glaube ich immer irgendwas am Laufen.

RP: Ich hatte vom Musikgeschäft und dem ständigen unterwegs sein die Nase voll. Ich meine, heute reise ich auch, sogar recht viel, aber es ist eben nicht so wie auf Tour zu sein. Ich bin heute nicht einen ganzen Monat am Stück von zu Hause weg. Ich wollte zu dem Zeitpunkt einfach eine Familie und ich wusste genau, dass dieser Lebensstil absolut nicht dazu passte, verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Ich habe zu dem Zeitpunkt also eine ganz bewusste Entscheidung getroffen, aufzuhören. Aber meine Gitarrensammlung ist in der Zeit ordentlich gewachsen. (lacht)

Ihr wart ja schon vor sieben Jahren hier am Elements of Rock Festival. Für uns beide und auch viele andere war das ein grandioser Abend und ein tolles Konzert. Wir haben uns alle wieder wie 15 gefühlt. Das ist jetzt auch schon wieder sieben Jahre her und in der Zeit dazwischen gabs Gerüchte, dass ihr die Band wieder aktivieren und auch Songs für ein neues Album aufnehmen wollt. Verrätst du uns, wie da der Stand der Dinge ist?

RP: Momentan ist der Plan, dass wir noch dieses Jahr mit den Aufnahmen beginnen wollen. Wir haben neue Musik, das ist nicht das Thema. Wir müssen aber gut überlegen, wie wir das genau angehen möchten und wie das mit unserem jetzigen Lebensstil in Einklang zu bringen ist. Ich möchte nicht mehr auf Tournee gehen, wie kann es also aussehen, wenn wir Konzerte geben? Welche Art von Konzerten wollen wir überhaupt spielen? Es geht also darum, diese Komponente des geistlichen Diensts wieder auf eine gute Art in das Leben, das wir heute führen, zu integrieren. Wir sind also am herumplanen. Wir sind wirklich noch in einem frühen Stadium, es geht um Aufnahmen.

Eine Veröffentlichung planen wir für…. (hält inne). Eigentlich möchte ich noch nicht darüber reden.

Lass mich so sagen: Wir wollen diesen Sommer was auf die Beine stellen und dann bis Ende des Jahres neues Material aufnehmen. Aber dazu muss eben erst mal klar sein, wie wir dieses ganze Paket zusammenschnüren. Im Moment ist es so, dass der eine in dem einen Staat was aufnimmt, der andere im anderen Staat und irgendjemand setzt das dann wie ein Puzzle zusammen.

Aber dann kann man schon sagen, dass sich eure Fans mit etwas Geduld auf neue Musik von Euch freuen dürfen?

JLV: Ja, wir werden unser Bestes geben um neue Musik für Barren Cross Fans herauszubringen. Wir werden vermutlich zwei oder drei Songs herausbringen, kein ganzes Album. Vier Monate später wieder zwei oder drei Songs und so weiter … wir müssen alles komplett selber machen und haben keine finanzielle Unterstützung. Deshalb müssen wir Geld aufbringen um es zu tun. Von dem ersten Gewinn können wir dann die nächsten drei Songs machen. Es ist komplett unsere eigene Angelegenheit.
RP: Ja. Jetzt müssen wir erstmal die ganze Logistik hinkriegen. Wenn wir wieder nach Hause geflogen sind, werden wir uns wahrscheinlich einen Monat später wieder treffen und bald danach alles auf unserer Website und Facebook ankündigen und bekannt machen.

Wird das dann mit Dean Cohn sein oder mit Mike Lee? Oder vielleicht sogar mit beiden?

RP: Nein, es wird die Originalbesetzung sein. Wir versuchen dann eben festzulegen, mit wem und wie wir die Aufnahmen überhaupt machen wollen. Werden wir in ein Studio gehen oder gerade nicht? Werden wir es digital aufnehmen – es geht alles darum, wie genau wir das was wir vorhaben am besten auf Band kriegen. (Lacht) Das kann man ja so gar nicht mehr sagen. Vermutlich landet es auf einer Festplatte oder so.

Es gab auch Gerüchte über eine Wiederveröffentlichung eures Debutalbums. Was hat es damit auf sich?

RP: Wir werden versuchen, dieses Jahr noch ein hübsches Paket zusammenzustellen. Einiges davon könnten auch Wiederveröffentlichungen von alten Sachen sein. Wir haben vor, beides zu machen, sowohl altes als auch neues Material herauszubringen. Das ist der Plan.

Was für Musik hörst du denn heute gerne? Christliche oder säkulare Sachen? Du hast ja gesagt, als du jung warst hast du so Bands wie Black Sabbath gemocht. Und heute? Ist es immer noch Metal, ist es Rock oder am Ende sogar Pop?

RP: Meine Güte, Nein. Meine Kinder mögen Dance Musik. Das macht mir wirklich Angst (lacht). Ich hör viel Blues und weil ich selber Lobpreis gemacht habe, mag ich auch den Worship-Style ganz gerne zum entspannen. Ich höre viel Stevie Ray Vaughn und Muddy Waters und versuche, mich anhand dieser grossen Vorbilder musikalisch weiterzuentwickeln und so ein bisschen meinen eigenen Stil zu finden. Das macht mir grossen Spass.

Hast du eine Ahnung, was heute so in der christlichen Musikszene läuft?

RP: (Lacht) Nur durch meine Kinder. Die mögen Skillet und Bands in der Art. Ich habe schon einen Eindruck davon, was da so läuft, aber die Namen sagen mir halt nichts mehr.

Wenn du dir die christliche Musikszene heute so ansiehst, scheint alles viel mehr zu einem Geschäft geworden zu sein, vor allem in den USA. Man hat den Eindruck, dass die Inhalte, die Glaubensthemen  dem Geldverdienen untergeordnet werden. Hast du den Eindruck auch oder was hast du da für eine Meinung dazu?

Ich finde nicht, daß das typisch für die Zeit heute ist. Wir haben alle Seiten des Musikgeschäfts schon damals gesehen, als wir 20 waren. Die guten, und die hässlichen. Dreck und Morast sind nichts Neues. Es gibt da draußen bestimmt christliche Künstler, die es absolut ernst meinen. Und dann gibt es Künstler, die gläubige Christen sind, aber in erster Linie Karriere machen wollen und dann gibt es die, denen es einfach nur darum geht, Geld zu verdienen.

Stell dir vor, du wärst ein Musikagent und Geld würde keine Rolle spielen. Welche Band würdest du gross rausbringen? Vielleicht kennst du ja eine, von der du findest, daß sie unterschätzt wird. Vielleicht eine gute Nachwuchs-Bluesband?

RP: Oh Mann (lacht). Hmm, also wenn ich tatsächlich ein Musikagent mit einem großen Budget wäre, würde ich glaube ich versuchen, eine neue Band auf die Beine zu stellen. Sie würden Musik machen, die mir gefallen würde.  Etwas Bluesiges. Ich weiss, daß es viele gute Blues-Bands gibt, die viel zu wenig Zuspruch finden. Irgendwie ist es ja ein Gegensatz, beim Blues geht es ja um Melancholie. Aber wenn man errettet ist, hat sich ja etwas in einem verändert. Es ist schwer, melancholisch über diese positive Veränderung zu singen.  Ich würde also ein neues Projekt auf die Beine stellen, das definitiv mit Blues zu tun hätte. Und ich würde es etwas anders angehen und eher versuchen, sie in (säkularen) Clubs auftreten zu lassen anstatt bei christlichen Veranstaltungen.

Okay, noch eine letzte Frage. Was ist dein Lieblingslied von Barren Cross. Gibt es ein Lied, das du besonders magst. Oder sind die Lieder für euch eher wie eure Kinder und ihr liebt alle gleich?

JLV: Ich mag „Here I Am“, aus dem Grund, weil es ein Lobpreis-Lied ist. Es spricht mich sehr an, weil wir darin Gott loben.
RP: Wow. (denkt nach). Naja, es ist ein bisschen komisch, weil wir es so oft spielen aber ich finde “Rattle Your Cage” ganz gelungen. Es geht ein bisschen mehr in die Bluesrock-Richtung und war das erste Lied, das ich in dieser Richtung komponiert habe. Von den alten Sachen mag ich “Living Dead” ganz gerne. Das werden wir morgen auch spielen.

Habt ihr das schonmal live gespielt?

RP: Haben wir. Als das Album erschien, haben wir das Lied einige Zeit gespielt aber irgendwann dann nicht mehr. Ich weiß auch nicht, wahrscheinlich ist er uns einfach zu langweilig geworden. Wenn man ein Lied 60 Mal hintereinander spielt, kann das schon passieren.

Wie macht ihr das denn überhaupt, daß euch eure eigenen Songs nicht zu langweilen beginnen?

RP: Sie werden einem langweilig. Es gibt einige Lieder, die mag ich live eigentlich echt nicht mehr spielen. Einen davon werden wir morgen aber spielen, es gehört eben einfach dazu. Es sind drei Punkte: Erstens tut man es, weil die Leute die Lieder kennen und mögen. Das Zweite ist der Grund, warum wir uns jetzt unterhalten. Ihr würdet kaum mit mir reden, wenn ich einfach nur ein Typ wäre, der in einer Bank arbeitet. Es kann eben auch im banalen eine gewisse Freude liegen, weil man da auch immer die schönen Erinnerungen aus der Vergangenheit mit verbindet. Und drittens machen wirklich auch recht anspruchsvolle Musik. Wenn ihr was von Musik versteht: Morgen werden wir “2000 Years” spielen und ich glaube nicht, daß jede Band dieses Lied spielen könnte. Ich meine, selbst ich finde es schwer zu spielen und ich spiel es dauernd. Es gibt viele Taktwechsel und so weiter. Musik ist für uns also besonders interessant, wenn sie auch progressive Anteile hat. Wenn wir eine Glam-Rock-Band mit 08/15 Liedern im 4/4 Takt wären, wäre das was anderes. (Imitiert ein simples Gitarrenriff). Etwa so, immer und immer wieder. Unsere Lieder haben viele unterschiedliche Taktarten und das macht es interessant zu spielen. Manches ist gar nicht so einfach, ich werde morgen an ein paar Stellen ganz schön herausgefordert sein. Ich bin einfach nicht mehr so schnell, wie ich früher war. Mit diesen drei Aspekten kann man ganz gut damit leben. Ich meine, wird es euch nie langweilig dabei, Interviews zu führen?

(Gelächter): Nein, uns hat es wirklich Spaß gemacht mit Euch zu reden. Vielen Dank, daß ihr euch die Zeit dafür genommen habt. Wir freuen uns schon sehr gespannt auf das Konzert morgen.

Interview und Übersetzung:
Andreas Voßeler und Daniel Frick