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»Der Tag des Schmetterlings«

Jens Böttcher Interview


Von Rainer Buck 20.03.2009


Nach Deinem Roman »Steiner« erscheint nun unter dem Titel »Der Tag des Schmetterlings« ein Band mit »Short Stories«. Hast Du dazu in den Schubladen gekramt oder sind die Geschichten alle erst in neuerer Zeit entstanden?

Hm, warte mal... Ich glaube, ich hab so etwa im Mai 2008 mit dem Manuskript begonnen, und dann ging es ziemlich schnell mit dem Schreiben... Also, ja, die Geschichten sind alle ganz frisch. Ich habe die meisten auf Reisen geschrieben, sie sind fast alle an unterschiedlichen Orten, in Hotelzimmern, Cafés oder im Zug entstanden.


Ich hatte beim Lesen Deines Buches teilweise fast den Eindruck, ich hätte es mit einer Anthologie verschiedener Autoren zu tun. So variantenreich sind die Erzählungen.


Danke, das ist in diesem Fall ein wirklich schönes Kompliment. Ich habe mich natürlich darum bemüht, den Erzählstil »gefühlt« den Charakteren meiner Protagonisten und den jeweiligen Stories anzupassen. Und freue mich, dass es wohl scheinbar geklappt hat. Für mich selbst ist das Buch beinahe so etwas wie ein Papier gewordenes Konzeptalbum, eine CD, bloß ohne Musik (lacht).


Bist Du jeweils in unterschiedlicher Art in den Schreibprozess eingestiegen, oder gibt’s typische Vorgänge, wie Ideen für eine Böttcher-Geschichte gesammelt und zu Papier gebracht werden.

Es gibt deshalb keine »ganz typische Art«, weil ich es so empfinde, dass das Leben selbst mich inspiriert. Die Grundidee kommt also immer irgendwie »angeflogen« und dann setz ich mich irgendwann hin und schreibe entweder die Struktur auf, oder, wie bei diesen Short Storys, eigentlich fast ausschließlich, ... schreib die Geschichte eben einfach runter.


Gibt es in all der Verschiedenheit dennoch ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht?


Ja, auf jeden Fall. Es geht in allen Geschichten um die tiefste Art von Einsamkeit, um den Bruch des Menschlichen gegenüber dem Göttlichen, um Sehnsüchte, um unser aller Schicksal, das Verzehren des Menschen nach befriedigenden Antworten und vor allem nach wirklicher Liebe. Und in beinahe allen Geschichten gibt es dann eine Berührung mit dem Geheimnisvollen, dem Göttlichen. Aber diese Berührung muss keine klassische Antwort bedeuten, und schon gar nicht im oberflächlichen, frommen Sinne. Also, kurzum - ja, es geht um Einsamkeit und gefundene und scheinbar verlorene Liebe.


Die Titelgeschichte hast Du ja für eine Promo-CD eingelesen. Mir ist Dein Vortrag an einigen Stellen unter die Haut gegangen wie ein trauriger, autobiographischer Song.

Danke, das ist wieder ein sehr nettes Kompliment... Es könnte daran liegen, dass ich, wie ich ja schon sagte, die Geschichten aus dem Leben pflücke und dann einfach alles hineinlege, was ich selbst bin und habe. Ich habe keine Lust auf halbe Sachen. Ich beobachte die Menschen, aber ich beobachte natürlich auch mich selbst. Und mein eigenes Leben war im letzten Jahr stellenweise eine ziemlich harte Schlacht und ich bin ja tatsächlich dem Tod nur recht knapp von der Schippe gesprungen. Aber ich glaube in allem doch fest daran, dass in starken inneren Schmerzen oft die wirklich entscheidenden Antworten verborgen sind. Insofern hat diese Geschichte, wie die anderen auch, schon etwas autobiografisches, ohne dass es dabei allerdings wirklich um mich als Protagonisten geht. Es ist eher autobiografisch im Sinne von: Seelenbewegungen und Gedanken zu portraitieren, die mein eigenes Leben in der Schreibezeit geprägt haben. Trauer ist auf jeden Fall ein Teil davon.


Hast Du die Erfahrung gemacht, dass tief empfundenes Glück und Zerbruch so nahe beieinander liegen?

Ja, ich wünschte, ich könnte etwas anderes behaupten, aber ich denke wirklich, dass es so ist. Es scheint eine enge Verwandtschaft zwischen den beiden zu bestehen, denn in beiden geht es zwangsläufig um diese tiefe Liebe, von der ich gerade sprach und nach der wir alle uns sehnen. Ich halte für die Wahrheit, was der große Poet Khalid Gibran mal gesagt hat: So wie die Liebe euch krönt, wird sie euch kreuzigen. Und dann fügt er noch an: Wer wirklich tief lieben möchte, sollte sich wünschen, vom eigenen Verständnis der Liebe verwundet zu werden. Mir ist das passiert. Und ich beginne gerade dieser Tage damit, es als etwas ausschließlich Großartiges zu empfinden. Okay, ich geb zu, das war jetzt etwas kryptisch. Lest mehr Gibran, Leute! (lacht)


Wie haben solche Erfahrungen Deinen persönlichen Glauben geprägt?

Sie prägen ihn täglich und halten mich und meinen Glauben sehr wach. Im letzten Jahr hat sich für mich auf sehr drastische Weise die Erkenntnis vertieft, dass Gott uns alle mit einer so unfassbar gewaltigen Liebe liebt, für die es keine menschlichen Worte gibt und die um so vieles größer ist, als noch das frömmste Gefasel es je sein oder beschreiben könnte. Deshalb halte ich jetzt zu dem Thema lieber auch die Klappe. (lacht)


In einer der Geschichten schimmert fast etwas wie Verständnis für einen Mann durch, der aufgrund einer persönlichen Verletzung gewalttätig geworden ist. An anderer Stelle gibt’s den Menschen, der unter Widersprüchen in der christlichen Nischengesellschaft leidet und sich mit Alkohol betäubt. Der Held der Titelgeschichte wiederum hat Frau und Zuhause verloren und im bürgerlichen Leben Schiffbruch erlitten - sind das Typen, für die Du auch ein wenig deshalb um ein wenig Sympathie wirbst, weil es Brüder von Dir sein könnten?

Ja, das stimmt, ich werbe schon für die meisten von ihnen um diese Sympathie des Betrachters, selbst da, wo sie nicht wirklich sympathisch sind. Und ich sehe sie tatsächlich auch als Brüder, wie du sagst, aber in ihnen steckt noch mehr. Sie sind nicht nur äußere Brüder, sondern auch allesamt innere Facetten unserer eigenen Persönlichkeit. In all den Figuren des Buches sind also auch ein paar stellenweise unangenehme Fragen an uns selbst enthalten.


Kannst Du uns von ein paar typischen Reaktionen auf Dein Buch berichten?

Ja, die waren bisher wirklich sehr besonders. Ich habe eine ganze Reihe von Mails bekommen, in denen mir Leser ihr tiefes Gerührtsein beschrieben haben, was mich wiederum wirklich glücklich macht. Es gibt kein schöneres Kompliment, als Menschen mit der Kunst entweder zum Lachen oder zum Weinen zu bringen oder sie gar mit dem einen oder anderen davon zu trösten. In diesem Fall scheint es allerdings mehr ums Weinen zu gehen (lacht). Die Titelgeschichte und eine Story namens »Seelentänzer« haben bisher deutlich die meisten Reaktionen provoziert.


Die Inszenierungen Deiner Geschichten haben mich diesmal in einer Weise beeindruckt, dass es mir vorkommt, als hätte Deine Liebe zu Filmen Einfluss auf einige Geschichten gehabt. Bei der Geschichte mit dem unsichtbaren Herrn Meier musste ich an den wunderschönen James-Stewart-Film »Mein Freund Harvey« denken. Gibt es bestimmte Filme, die Du den Leserinnen und Lesern Deiner Geschichten zum »Weiterschauen« empfehlen könntest?

Oh ja, es gibt so viel tolle Filme... Ich glaube, dass es für mich aber in diesem Fall eher Kurzgeschichtensammlungen waren, die ich selbst gelesen habe und die in mir den Wunsch geweckt haben, es auch mal zu versuchen. Graham Greene, J.D. Salinger, Ernest Hello, auch da gibt es wirklich so viele brillante Sachen. Und irgendwie lagen die wohl alle mal in meinem Bett. Also, die Bücher jetzt. (lacht)


Oder, um zum Abschluss noch aufs Thema Musik zu kommen, gibt es Platten oder Songs, die man nach dem Lesen hören könnte?

Ja, da gilt beinahe das Gleiche, aber das fällt mir grade glatt ein bisschen leichter... Ich glaube, dass die Eels als »Sekundärmusik« stellenweise sehr gut zum Schmetterlingsbuch passen, oder die beiden Doppel-EPs von Jon Foreman vom letzten Jahr. Und das fantastische Frank-Sinatra-Album »In the wee small hours of the morning« ...


Mir würden zum »Weiterhören« in erster Linie natürlich auch Deine eigenen Alben einfallen, am dichtesten dran ist man im Augenblick noch mit dem »Reisefieber-Album«. Dürfen wir uns auch bald auf neue Musik von Jens Böttcher freuen?

Ja, das hoffe ich doch sehr. Wenn alles glatt geht, wird mein neues Album hoffentlich Anfang kommenden Jahres erscheinen.

Ich danke Dir für das Gespräch und wünsch Deinem Buch viele aufmerksame Leserinnen und Leser.

Danke, Dir auch für die netten Fragen, und Grüße an alle SOUND7.DE-Leser!

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