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Eine geradezu therapeutische Aura

Jens Böttcher rockt und tröstet Köln


Von Roland Hiller 11.11.2009


Der Weg zum neuen Album »Viva Dolorosa« ist für Jens Böttcher ein ziemlich steiniger. Ein Album ordentlich zu produzieren erfordert Geld, das einem freien Künstler zur Zeit nicht gerade kübelweise nachgetragen wird. Das Konzert am 1. November in der Ouestbar unter dem Kölner Westbahnhof diente unter anderem dazu, der »Szene« zu demonstrieren, welche Kostbarkeiten Jens in der Schatulle hat. Wenn sich Gott für die Songs interessiert, die seine Leute für Ihn schreiben, ist es nach dem begeistert aufgenommenen Event eigentlich kaum noch vorstellbar, dass das Album nicht wie vom Künstler und seinen Freunden erhofft im nächsten Jahr erscheinen wird.

Musik zur Ehre Gottes zu schreiben heißt für den Songwriter Jens Böttcher in jüngerer Zeit wohl nicht mehr unbedingt, in jedem Song den Glauben zu thematisieren, vor allem nicht von der dogmatischen Seite her. Trotzdem haben die alten Country-Gospel-Songs aus den ersten Jahren nach seiner christlichen Bekehrung noch ihren Platz im Set. »Ich hab das Licht gesehn«, »Hoch oben im Himmel« und »Er hat die ganze Welt in seiner Hand« sind weiterhin die Stimmungsmacher im Programm
und sorgen für eine rechtschaffen unverkrampfte Begeisterung in der Ouestbar. Auch die Männer hinter dem Tresen sind offenkundig angetan von dem, was da an positiver Energie von der Bühne kommt.

Der größere Teil des Abends gehört freilich den ruhigeren Songs. Neben einigen Evergreens seiner Alben »Himmelherz« und »Reisefieber« stellt Jens viele Lieder vor, die entweder nur aus seinen Konzerten bekannt sind oder erstmals auf einer Demo-CD auftauchten, die als Teaser für das 2010 geplante Album dient. Und die Geschmacksproben sind vielversprechend. Es sind stark autobiographisch gefärbte Stücke mit der typischen Böttcher-Melancholie, die aber nie in Wehleidigkeit zerfließt, sondern eine geradezu therapeutische Aura entfaltet: Wenn Jens Böttcher »Ich kenn das auch« singt, dann hat man das Gefühl, dass man mit diesem Typen eine Nacht lang über Gott und die Welt reden könnte, ohne unverwertbare Weisheiten übergestülpt zu bekommen.

Auch mit dem Song »Novemberbaum« ist Jens ein Seelenschmeichler gelungen; dem Hörer wird hier die Liebe Gottes zugesprochen, wie sie der Liederdichter selbst vermutlich in einem nächtlichen Kampf gegen Trauer und Resignation zugesprochen bekam. Es liegt soviel Wärme und Trost in diesem Lied, dass man es gerne mit jedem Menschen, den man liebt, teilen möchte. Der Coversong »Ich werde Dich lieben«, den Jens von der legendären Marlene Dietrich übernommen hat, ist ein weiterer stimmungsvoller Höhepunkt. Man kann diesen melancholischen Schlager als Fortsetzung von »Novemberbaum« hören oder als profanes Liebeslied oder sowohl als auch. Es gibt noch weitere Songs, die interpretationsfähig sind und die Jens vielleicht den Zugang zu Hörern erleichtern werden, die Vorbehalte gegen zu eindeutig christliche Texte haben. Allerdings textet Jens Böttcher wohl in keiner Weise berechnend; in seinen Jahren seit der Zuwendung zum christlichen Glauben hat er im Sturmwind seines Künstlerdaseins schneller als viele andere erkannt, dass steile christliche Vorstellungen und Regularien ein Stück weit einen Halt geben, dass es aber Lebensmomente gibt, in denen einen das Leben andere Lektionen lehrt: Die Erfahrung, dass es dann immer noch die Hand Gottes gibt, die einen hält und wieder aufrichtet, kennt er nicht vom Hörensagen, das spürt man ihm ab, wenn er seine Lieder vorträgt.

Hört man sich ein wenig im Publikum um, staunt man, welche Reisewege einige Leute auf sich genommen haben, um bei diesem Event dabei zu sein; einige erzählen, wie viel Jens dazu beigetragen hat, dass sie sich erstmalig oder wieder neu dem Glauben geöffnet haben und dass sie sich in der christlichen Welt nach Leuten wie ihm sehnen, denen man einerseits einen tiefen Glauben abspürt, die andererseits aber auch nicht als fordernd und einengend empfunden werden.

Die Band, die in Köln hinter Jens steht, besteht aus bemerkenswerten Leuten: über den Pianisten Sven Urbatzka hat mir jemand zugeflüstert, dass er selbst ein bemerkenswerter Songschreiber sei, Henry Sperling (Percussion) und Karsten Deutschmann (Gitarre, Bass, Akkordeon, Geige) bilden die Firma Gentle Art, die für die gediegene Produktion aller Böttcher-Alben sorgt, im Volksmund heißen die beiden Rick & Rubin. Und die Cellistin Anne Maren Falk sorgt mit ihrem einfühlsamen Bogenstrich dafür, dass manche Böttcher-Songs auch klingen, als hätten George & Martin sie arrangiert.

Die Ansage für Jens Böttcher machte übrigens Barry Guy, ein bemerkenswerter Mann mit über drei Jahrzehnten Erfahrung im internationalen Musikgeschäft. Er freue sich, mit einem Künstler zusammenzuarbeiten, der ihn 100prozentig überzeuge, sagt der agile Engländer, der auch SOUND7.DE für die Unterstützung der Präsentation dankte.




Links ins Web
http://www.myspace.com/jensboettcher
http://www.boettchercom.de
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