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Quo Vadis CCM?

Jörn Schlüter: Sei wer du bist.


Von Jörn Schlüter 22.11.2006


Ihr Funktionäre und Musikverkäufer, Lobpreismusiker und Songwriter, Phrasendrescher und Animateur, höret, denn ihr solltet mehr sein als hinteres Mittelfeld. Nämlich Avantgarde, so Jörn Schlüter.

Egal, wie man über die fromme Szene denkt und wie weit man es treiben will mit dem Vermählen der Welten: Entscheidend ist die Qualität der Kunst, die wir zu bieten haben. Wie hoch ist das Potenzial an Inspiration und Charisma? Sind da Sänger/innen und Songwriter unter uns, die draußen jemand hören will? „Draußen“, wo jeder fromme Gestus nicht nur zunächst wertlos, sondern womöglich sogar hinderlich ist. Wer verquickt diese mit der anderen Welt, wer schafft den Spagat?

Die fromme Musikszene Deutschlands ist klein und dazu eben nichts anderes als der repräsentative Ausschnitt unseres Landes. Es ist also kein Wunder, dass wir nicht Dutzende von Superhelden produzieren; der Pool ist zu klein, und noch dazu leiden wir Christen an einem Übergewicht bürgerlicher Moralitäten und Geschmacksnormalitäten, was der besonderen Kunst, noch dazu der zukunftsweisenden, freilich etwas im Weg steht. Wie wäre es, wenn man uns auch und vor allem außerhalb der Kirchen als diejenigen kennen würde, deren Musik den Himmel öffnet und den Segen regnen lässt auf dieses dürre Land? Die Frage ist rhetorisch: Es wäre wunderbar.

Doch der Moment ist günstig: Draußen in der Welt – und in kleinerem Maß in unseren frommen Ghettos – regt sich etwas, eine neue Kraft zum Anderssein, ein gesundes Desinteresse an der Repetition des Bekannten. Und jetzt bist du dran, Christ und Musiker: Die Zeit ist reif, die Standards zu vergessen und den Schritt nach draußen zu wagen, ins Freie, wo deine Kunst atmen kann.
Sei ehrlich. Sei, wer du bist. Erst, wenn dir klar ist, dass du nichts anderes zu geben hast, das von Bedeutung sein könnte, als nur dich selbst, wird deine Musik etwas bedeuten. Und du kennst deine Momente:

Wenn sich deine Musik richtig anfühlt, nicht wie eine erledigte Aufgabe oder eine bestandene Prüfung oder der mühevoll gewonnene Kampf gegen das Scheitern. Sei wachsam! Viel zu oft schreibst du, um jemand anders zu sein. Aber dein Lied ist in dir, ganz bei dir, und es ist bei niemandem sonst. Du musst lernen, es zu hören. Du musst lernen, dich selbst zu erkennen. Und dich dann nicht zu verwerfen, weil du dir so wenig vorkommst.

Ihr Phrasendrescher und Animateure: Lasst mich in Ruhe mit euren Wiederholungen. Ich mag nicht hören, wie ihr die Welt da draußen in der kleinen, oft leicht zu übertölpelnden „christlichen Szene“ nachahmt, um den großen Ruhm auf kleiner Flamme nach zu kochen. Sicher ist die christliche Version von irgendeinem Hype wohl eine gute Sache – so gut wie Cola ohne Zucker und Benzin ohne Blei und Gemüse vom Biobauern. Und sicher brauchen an Christus gläubige Teenager Orte der Identifikation. Gebt sie Ihnen! Aber macht einen Unterschied, und macht ihn von Herzen.

Ihr Lobpreismusiker: Gott segne euch und fülle eure Musik mit Geist und Wahrheit und einer Inspiration, die den Allmächtigen mächtig bezeugt. Die Welt will außer sich sein, will das Andere spüren und das Ewige berühren. Schließlich merkt man es irgendwann: Das, was man Leben nennt, ist eine so bizarre Vorstellung, dass einem ja nur die Flucht bleibt. Wäre es nicht wunderbar, wenn man euch deshalb kennen würde: Weil ihr Mittler seid zwischen hier und der Ewigkeit? Und wir sind es ja! Lobpreis, Anbetung, der Moment der Berührung mit dem Geist Gottes durch Musik: Das ist das Pfund, mit dem wir zu wuchern haben. Wuchert! Und vermehrt euren Schatz in Gottes Namen so gut ihr könnt.

Ihr Funktionäre und Musikverkäufer: Alle von euch, die ich persönlich kenne, machen unserem Gott alle Ehre. Seid wachsam und versorgt die Gläubigen. Und, wo ihr könnt, lasst es nicht nur milchige Speise, sondern auch feste Nahrung sein. Wenn sich die Welten langsam verquicken – wunderbar. Schickt eure besten Künstler/innen ins Rennen, aber helft ihnen, genau den Teil ihrer Musik zu entfalten, der einen Unterschied macht. Gott in die Charts? Um meinetwillen, wieso nicht – ich könnte auf Anhieb vier, fünf Songs von Xavier Naidoo nennen, die mich in meinem Geist tief berühren. Auch im Radio.

Apropos: Sind wir bereit, die Quereinsteiger zu akzeptieren? Haben wir begriffen, was Sufjan Stevens in den USA tut und das U2 ihre Konzerte längst zu Gottesdiensten umfunktioniert haben? Hören wir Maria McKees gebrochenem Herzen und lebendiger Hoffnung zu? Verstehen wir das apokalyptische Flehen von David Eugene Edwards (16 Horsepower, Woven Hand)? Hätten wir Johnny Cash als einen der unseren erkannt, bevor es an allen Wänden stand? Ist uns klar, dass der Geist Gottes in Musikern lebt, die womöglich nicht unseren Gemeinden angehören und mit unseren Kirchenclubs auch ehrlich gesagt soviel nicht anfangen können? „Stretch, man! Stretch, woman!“, ruft uns der große christliche Philosoph und Prediger Brennan Manning zu und will unsere Seele weit machen für die immer größere Gnade des lebendigen Gottes. Tun wir, was er sagt!

Dann wird es besser mit der christlichen Kunst in unserem Land. Dann schließt sich der Spalt zwischen dem, was wir sind – hinteres Mittelfeld der kulturellen Szene – und dem, was wir sein sollten – die Avantgarde buchstäblich begeisternder Kunst – vielleicht ein Stück weiter. Und, wer weiß? Vielleicht werden die wirklich inspirierenden Christus-Sänger/innen (die, die auch die Welt hören will) dann nicht mehr auf christlichen Labels sein, sondern auf ganz normalen, wie sagt man: säkularen. Das Salz der Erde! Das ist ein großes Wort.

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»Die im STATEMENT geäußerten Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.«

 


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