»Manchmal bleibt einem nix übrig, als minutenlang den Kopf zu schütteln«
Über Kunst und Geld - ein Gespräch mit Jens Böttcher
Von Karoline Kuhla 09.09.2009
»Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück - ich brauche weiter nichts als nur Musik, Musik, Musik« heißt es in einem berühmten Klassiker aus den 30er Jahren. Lieder wie dieses pflegen das Image des Künstlers, der von Luft, Kunst und gegebenenfalls (so lautet es zumindest noch im Lied) der Liebe leben kann. Doch wie realistisch ist diese romantische Vorstellung? Wie überlebensfähig ist die Kunst ohne Geld? Eine entscheidende Fragestellung für ein philosophisch-kreatives Gespräch, das Karoline Kuhla mit Jens Böttcher führte.
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guten morgen!
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guten morgen!
karoline.kuhla, 10:26
ist es auch so ein fürchterlich verregneter morgen in hamburg?
jensboettcher, 10:27
ja, absolut... habe meinen morgendlichen hundespaziergang grade mit grausen und bibbern hinter mich gebracht...
karoline.kuhla, 10:28
und ich dachte, bei so einem wetter »schickt man keinen hund auf die straße«
jensboettcher, 10:28
nur wenn man einen hat...
karoline.kuhla, 10:28
nun gut, die perfekte gelegenheit auf jeden fall, sich über die wahrhaft schwerwiegenden themen der welt zu unterhalten
jensboettcher, 10:28
d´accord!
karoline.kuhla, 10:29
du hast neulich erzählt, dass du eine menge songs in petto hast, die darauf warten, vertont zu werden - um wie viele geht es da noch mal? war das eine drei- oder vierstellige zahl?
jensboettcher, 10:31
haha... momentan sind es etwa 65, die in der engeren wahl sind... aber ich sortiere grad weiter und hab´s schon geschafft, sie auf etwa 40 kandidaten zu reduzieren... was ja immer noch ein triplealbum wär... also muss ich wohl weiter das unschöne »kill your darlings«-spiel üben...
karoline.kuhla, 10:31
warum hebst du sie nicht auf, für ein späteres album? oder wäre das wie altes essen in der mikrowelle aufwärmen?
jensboettcher, 10:32
ja, das fühlt sich für mich tatsächlich so an.. immer wenn ich ein album fertig habe, beginne ich ja automatisch neue sachen zu schreiben, die dann ja tatsächlich viel »aktueller« sind...
karoline.kuhla, 10:33
die idee ist also im konkreten moment reizvoll. sobald sie eine alte idee ist, die es nicht geschafft hat, verwirklicht zu werden, verliert sie an attraktivität
jensboettcher, 10:36
ja, das passiert irgendwie automatisch - was nicht heißt, dass die songs an bedeutung verlieren, die es nicht schaffen, veröffentlicht zu werden. aber es ist dennoch ein unterschied, ob sie es schaffen »die zweite geburt« zu erleben. deshalb würde ich ja gern mindestens zwei alben pro jahr rausbringen. aber die »gesetze des marktes« sind sehr schwer zu überwinden. naja, das gilt ja in vielen bereichen für viele unsinnige gesetze...
karoline.kuhla, 10:37
was hindert dich konkret daran, ein triplealbum mit den 40 kandidaten herauszubringen?
jensboettcher, 10:42
es ist ziemlich teuer, platten zu machen. ich habe ja nicht nur den anspruch, quantität herauszubringen, sondern auch qualität (verpackung, produktion, promotion etc.) dummerweise ist es so, dass die deals, die einem die labels anbieten, einfach - gelinde gesagt - haarsträubend sind. die künstler sind leider immer die, bei denen von den einnahmen immer das wenigste ankommt. es ist irgendwie ein komplett veraltetes modell und... ebenfalls ein ziemlich merkwürdiges gesetz. das gilt übrigens auch für christliche labels. kürzlich sagte man ein labelinsider zu mir, dass es wirklich kaum zu glauben ist, dass so mancher deal innerhalb der christen-label-szene selbst den als »hart« geltenden, säkularen labels die schamesröte ins gesicht treiben würde... also... jedenfalls... es ist eine finanzielle frage...
karoline.kuhla, 10:44
das sind sehr frustrierende arbeitsbedingungen, die kaum jemand in einer anderen branche so ertragen muss, nehme ich mal an. ganz ehrlich: bringt dich diese abhängigkeit nicht manchmal zum kotzen?
jensboettcher, 10:48
jein. es ist, wie alles im leben, ja irgendwie ein prozess, aus dem man lernen sollte und kann. aber natürlich nervt es, innerhalb dieser strukturen herumzuschwimmen. manchmal bleibt einem nix übrig, als minutenlang den kopf zu schütteln und ihn dann vorsichtshalber mal ne weile in einen eimer mit eiswasser zu tunken...
karoline.kuhla, 10:50
von van gogh weiß man ja, dass er häufig sein geld lieber für farben als für essen ausgegeben hast. bist du auch soweit gewesen, dass du dich zwischen musik und lebenserhaltenen maßnahmen entscheiden musstest? sollen wir die SOUND7.DE-leser bitten, care-pakete zu schicken?
jensboettcher, 10:52
haha... nein, vielen dank für das angebot... die carepakete können andere menschen ganz bestimmt noch dringender brauchen... aber es ist tatsächlich so, dass die entscheidung für ein leben »für die kunst« eine reihe von herausforderungen parat hat. das durchzuziehen hat dann wirklich entweder was mit »berufung« zu tun (siehe auch van gogh) oder beweist, dass man ziemlich einen an der waffel hat...
karoline.kuhla, 10:55
stellt sich die frage, welcher umstand da den anderen bedingt. guckt man in die geschichte findet man neben gestalten und genialen künstlern wie mozart und vivaldi eben auch solche wie van gogh, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob gerade die schwierigen umstände, die missliche lebenlage und die daraus erwachsenden themen und gedanken sie nicht erst zu der genialität getrieben haben, die sie so berühmt machte. bleibt also: entsteht aus der not die kunst oder aus der kunst die not?
jensboettcher, 10:56
oh, großartige frage!... sekunde, ich geh mal kurz in den westflügel meiner villa und schenk mir kaffee nach...
jensboettcher, 11:03
ich denke, dass beide antworten richtig sind. van gogh ist ein sehr gutes beispiel. er war zeitlebens ein spiritueller, suchender mensch... was meiner meinung nach sowieso das fundament für herzergreifende kunst ist. er versuchte sich halbherzig als dies und das, dann mit ganzem herzen als »geistlicher« und scheiterte am ende daran, dass er nicht aufhörte, fragen zu stellen. dann schlug er konsequent den weg in die kunst ein und war nicht in der lage, kompromisse zu machen. seine innere not, antworten finden zu wollen, befruchtete so seine wunderbare kunst und begünstigte gleichzeitig seine tristen, äußeren umstände. es gibt so viele beispiele für absolut großartige künstler aus allen bereichen, sei es musik, malerei, literatur, die ein »angenehmes« leben für ihr inneres feuer geopfert haben. und dann wieder, genau, können wir sicher sein, dass ihre kunst gerade deshalb so tief und bewegend ist. ein geheimnisvoller kreislauf irgendwie.
jensboettcher, 11:04
oh, und noch ein kleiner nachsatz... ich persönlich glaube tatsächlich an den zusammenhang... wirklich tiefe, berührende kunst wird immer aus not geboren... entweder innerer oder äußerer...
jensboettcher, 11:05
und es gibt eine menge »kunst«, die gerade deshalb so schal und oberflächlich ist, weil sie uns nur vorgaukelt, die tiefe des erlebten zu haben.
karoline.kuhla, 11:09
warum hast du dich dennoch für solch ein leben entschieden? warum bist du nicht bäcker, buchhändler oder banker geworden? ist die achterbahn der höhen und tiefen ein solches zugeständnis wert?
jensboettcher, 11:13
ja, für mich schon. wie schon gesagt... ich glaube, ich gehöre zu den menschen, die da nicht wirklich die wahl haben. ich bin hungrig nach innerer entwicklung, nach wachstum, nach dem abenteuer des suchens und findens. und - das mag sehr pathosgeladen klingen - ich habe noch keinen schöneren lohn auf der welt gefunden, als menschen für einen kleinen oder großen moment glücklich zu machen. der kreislauf des tiefen austauschs und des schenkens ist für mich nirgendwo so intensiv wie in der kunst.
karoline.kuhla, 11:17
erklärt dieser punkt vielleicht auch, warum kunst allgemein als »luxusgut« zu allererst wegfällt, wenn es darum geht, zu kürzen? wir befinden uns in wirtschaftlich schwierigen zeiten. die erfahrung zeigt, dass die leute kulturelle erfahrungen in diesem momenten als erstes streichen - kein verschenken der glücklichen momente mehr.
oder hast du eine andere idee, warum künstler grundsätzlich die berechtigung ihrer existenz und der existenz ihrer werke verteidigen müssen? warum wird so vieles eher als lebensnotwendig angesehen als ein gutes lied im ohr?
jensboettcher, 11:23
ja, ich glaube, da hast du recht. die wertigkeit und wichtigkeit der kunst wird unterschätzt. aber vielleicht war das auch schon immer so. es ist das alte lied vom »haste-was-biste-was«. kaum eine großmutter würde wohl ihrem achtjährigen enkel raten, mal songschreiber oder romanschriftsteller zu werden. andererseits wird die musik - ein gutes lied im ohr, wie du es so schön sagst - ja immer einen sehr wichtigen platz in unseren herzen behalten. das ist dann ja wieder das schöne... musik ist eine solche kraft, die sich am ende den gesetzen des marktes ja nicht beugen wird. selbst wenn es keine CDs und keine downloads mehr gibt, werden die menschen die schönen lieder singen oder summen, die sie im herzen als lebenssoundtrack mit sich rumtragen.
karoline.kuhla, 11:25
nun würde es dir ja sicherlich helfen, wenn jemand, der das hier liest, denkt: »na gut, finanziere ich also das böttcher-triplealbum und kaufe mir doch nicht einen eigenen fußballclub« - was sind die besten gründe, die dir für eine solche entscheidung einfallen?
jensboettcher, 11:31
haha.. prima idee... und ich bin ja tatsächlich grade auf der suche nach sponsoren, die in diesen kreislauf des schenkens einsteigen wollen... ein rationales argument dafür kann ich aber nicht liefern, das alles ist ja eine herzensangelegenheit. ich träume natürlich davon, dass es mehr menschen da draussen gibt, die nicht so sehr zwischen der währung »geld« und der währung »kunst« unterscheiden. es wäre natürlich schön, mehr menschen zu kennen, die sagen: »hey, du hast die kunst, ich hab den geldspeicher voll, lass uns mal zusammenschmeißen«. aber ich bin realist genug, um verstanden zu haben, dass es für die meisten sehr wohl einen ziemlich großen unterschied macht und sie werden ihre gründe haben... und ich selbst fahre doch ziemlich prächtig damit, mich in diesen wie auch allen anderen dingen mehr und mehr auf Gott zu verlassen. alles, was geschehen soll, wird auch geschehen. und fußballclubs sind ja auch 'ne schöne sache...
karoline.kuhla, 11:34
wenn dich also morgen abend einer anruft, der genau an einem solchen austausch interessiert ist und sagt »komm jens, ich lad dich auf was ein - du darfst dir aussuchen: buch oder album«, wofür entscheidest du dich?
jensboettcher, 11:37
oh, schöne fangfrage... haha... aber ich würd mich morgen abend für das neue album entscheiden. was um Himmels willen soll ich denn sonst mit den ganzen songs machen? wie sollte ich denen denn erklären, dass sie noch länger in der wartehalle rumhängen sollen?...
jensboettcher, 11:38
übrigens gehe ich übernächste woche ins studio und fange an, ein paar von ihnen aufzunehmen... das gequengel war mir zu laut...
karoline.kuhla, 11:38
ist schon mal einer beleidigt gegangen, weil du ihn zu lange hängen gelassen hast?
jensboettcher, 11:40
haha... nee, bisher habe ich sie noch alle mit meinem charme bei der stange gehalten... allerdings muss ich gelegentlich runter ins archiv und den unveröffentlichten der vergangenheit versprechen, dass sie eines tages wenigstens online zu hören sein werden... ist manchmal ganz schön anstrengend mit denen.
karoline.kuhla, 11:41
ist das die konsequenz aus diesem ganzen schlamassel: dass die kunst am ende so drängt, dass sie raus auf die bühne will, egal, ob jemand dafür karten kauft?
jensboettcher, 11:45
ja, ich glaube, das kann auch passieren. das würde ich persönlich allerdings wahrscheinlich als hinweis darauf betrachten, dass irgendetwas nicht stimmt. man muss aufpassen, dass man sich selbst nicht betrügt. es gibt ja auch viel kunst, die keiner braucht. aber werten sollte man das für andere nicht. da kommen ja wieder die van goghs und bloys der weltgeschichte ins spiel. diese menschen waren bis zum tod bettelarm und mehr oder weniger allein in ihrem glauben, dass ihre kunst wichtig ist. die welt hat das dann jeweils erst mit etwa hundert jahren verspätung verstanden.
karoline.kuhla, 11:48
bei allem blödsinn, der beim falschen verständnis solcher aussagen auch ins weltall katapultiert werden wird: es ist dennoch ein zeichen für authentizität, wenn dem drang des künstlerischen outputs entgegen des verstands der zeitgenössischen gesellschaft nachgegeben wird.
jensboettcher, 11:50
ja, das sehe ich auch so. dieser »verstand der zeitgenössischen gesellschaft« ist für die kunst tatsächlich überhaupt nicht relevant - er kann nur die äußeren umstände beeinflussen.
karoline.kuhla, 11:54
in diesem sinne, kann ihnen, herr böttcher, angesichts dieses vorstellungsgesprächs für den orden der künstlerischen authentizität, nur erwidert werden, dass ihre aussagen sie durchaus als - wie woody allen sagen würde - »ganz außergewöhnliches exemplar ihrer gattung« adeln. medaille und urkunde werden ihnen per kurier zugeschickt. wir - und selbstverständlich ihre majestät, die queen - wünschen ihnen alles gute für die suche nach sponsoren, für ihre neuen songs und alle im keller verweilenden anwärter.
jensboettcher, 11:57
haha... oh, vielen dank, madame kuhla, ich fühle mich tatsächlich geadelt. bitte informieren sie doch den medaillenkurier, dass ich mich gerade auf weltreise durch vorderasien befinde und er das päckchen bitte einfach vor meine tür legen soll (falls er ´ne unterschrift braucht, kann er auch warten)...
karoline.kuhla, 12:00
da auch unser unternehmen auf die großzügige spendenbereitschaft verantwortungsbewusster millionäre angewiesen ist, werden wir leider auf diese möglichkeit zurückgreifen und unseren kurier nicht, wie allgemein üblich, ihnen ans andere ende der welt hinterhersenden.
jensboettcher, 12:01
haha... sehr schön... dann freue ich mich drauf, ihn bei meiner wiederankunft zu treffen.
karoline.kuhla, 12:02
wir danken für das erbauliche gespräch!
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