»Es kann nicht sein, dass in dieser Szene jeder jeden mag«
Karoline Kuhla und Benjamin Lechner im Gespräch
Von Benjamin Lechner 09.02.2009
Nach der Promikon entwickelte sich im SOUND7.DE-Team eine rege Diskussion über Potenzial und Eigenart der Messe. Um die Diskussion nicht nur intern zu führen sprachen Redaktionsleiterin Karoline Kuhla und Herausgeber Benjamin Lechner über den Messetag und die Eigenarten der christlichen Käseglocke.
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Karo, Du warst gestern zum ersten Mal auf der Promikon. Was war Dein Eindruck, als Du die Messehallen in Gießen betreten hast?
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Ich war ehrlich gesagt überrascht. Als wir auf das Messegelände zugefahren sind, habe ich gedacht »das kann doch nicht alles sein«. Ich komme aus Berlin – bei uns finden Messen wie die »YOU« im ICC statt. Die ein oder andere habe ich dort schon besucht. Dagegen kamen mir die Promikon-Räumlichkeiten winzig vor. Im Nachhinein ist es mir heute aber klar, dass eine Messe wie die Promikon kein ICC braucht. Ich habe vorher einfach nicht über die Größendimensionen dieses Marktes nachgedacht, sonst wäre ich wohl nicht so überrascht gewesen. Messe ist eben nicht gleich Messe.
Wie ist es denn zu solch einer Erwartungshaltung gekommen?
Mh, ich weiß es nicht genau. Meine Arbeit mit dieser Szene ist eine sehr virtuelle: bei einem Onlinemedium, mit einem Team, dass intern und nach draußen hauptsächlich per Email kommuniziert, kann man schnell den Blick für die Größe in der Realität verlieren. Vermutlich nahm ich unbewusst an, wenn es sich lohnt, eine »Messe« (eben in Anlehnung meiner Messeerfahrungen hier in Berlin) allein für diese Szene zu machen, muss sie mehr umfassen, als ich kenne. Aber so war es dann eben nicht: ich hätte gedacht, es gäbe auf der Messe noch viele neue Spieler dieser Branche kennen zu lernen. Tatsächlich kennt man alle mehr oder minder schon. Und das sind nicht viele. Damit wären wir wieder bei »winzig«.
Schwingt da im Unterton auch die Frage nach der Relevanz mit?
Ja, ich denke schon. Diese Frage ist unvermeidbar, das ist mir am Samstag ganz deutlich geworden. Vielleicht kann man es mit der Struktur einer Familie vergleichen: Die Kinder der Familie werden geliebt und wenn sie langsam groß werden und eigene Sachen auf die Beine stellen, wird das gelobt, solang es nicht völlig sinnlos erscheint. Die wahre Relevanz ihrer Arbeit zeigt sich aber erst außerhalb dieses familiären Kreises. Was halten Fachleute davon, die zunächst einmal das Produkt sehen und dann die Macher dahinter? Nicht, dass ich falsch verstanden werde – die Liebe innerhalb der Familie ist wichtig, denn sie stärkt und erhält, auch wenn ein Projekt sich mal nicht verwirklichen lässt. Aber alle Werke sollten sich in der Realität beweisen, in der wirklichen Welt, in der wir alle leben. Doch dafür muss man den Mut haben die Käseglocke zu verlassen. Damit hatte die Promikon, die ich am Wochenende erlebt habe, nichts zu tun.
Warum?
Das gegenseitige Loben und Auf-die-Schulter-Klopfen innerhalb einer Familie ist ab und zu wichtig, aber wenn der Maßstab der eigenen Arbeit dort aufhört, verkommt das Ganze zu einer surrealen Beweihräucherung. Der Verdacht, dass die Macher selbst nicht genügend Vertrauen in ihr eigenes Projekt haben, wenn sie den Prüfstand der Realität scheuen, liegt dann nahe.
An welchen Stellen hat die Promikon denn deiner Meinung nach den Prüfstand der Realität gescheut?
Da gibt es mehrere Punkte. Zunächst einmal ist vor allem die Abwesenheit von gegenseitiger Ehrlichkeit und Kritik ein Zeichen dafür. Natürlich war ich nicht überall auf der Promikon gleichzeitig, aber während der neun Stunden, die ich dort war, ist mir - bis auf eine sehr deutliche Ausnahme - kaum ein kritisches Wort ungekommen. Es kann nicht sein, dass in dieser Szene jeder jeden mag. Jeder die Arbeit von jedem gut findet. Es kann nicht sein, auch wenn das alles für den lieben Gott passiert – das ist das surreale. Die lächelnde Maske aller Beteiligten lässt sich als Zeugnis davon verstehen. Das hilft aber niemandem weiter und lässt Lob, aufgrund der Lobinflation, die in einem solchen Rahmen herrscht, in der Irrelevanz versinken.
Was sollte sich denn ändern?
Nun, zunächst muss an Aufrichtigkeit der gegenseitigen Bewertung gearbeitet werden. Und weil das so häufig missverstanden wird, sage ich hier noch mal: für mich gehören Kritik und Nächstenliebe zusammen. Ich beweise doch meine Nächstenliebe nicht, in dem ich den anderen sehend ins Messer laufen lasse.
Wie bereits erwähnt ist für mich darüber hinaus auch die Meinung Außenstehender wichtig: Warum sind auf einer Veranstaltung wie der Promikon keine musikkundigen Journalisten, Veranstalter oder Plattenfirmen von außerhalb der christlichen Szene vertreten? Wäre es nicht förderlich für christliche Künstler, von ihnen gehört, rezensiert und eventuell auch unter Vertrag genommen zu werden? Bei diesen Fragen kommt die Vermutung auf, dass die drei, vier Player der Szene sich die Bälle lieber gegenseitig zu spielen, als ihren Künstlern noch größere Chancen zu ermöglichen. So bleiben Talente für die außerchristliche Welt unentdeckt und werden christliche »Künstler« weiterhin aufrecht erhalten, die außerhalb der Szene mangels künstlerischer Originalität untergehen würden.
Ein SOUND7.DE-Leser schrieb uns die Tage per Leserbrief »Die Szene schmort in ihrem eigenen Saft«. Klingt deckungsgleich mit Deinen Aussagen. Würdest Du denn der Promikon prinzipiell eine Existenzberechtigung absprechen?
Ach, nein, Existenzberechtigungen abzusprechen, ist nun wirklich nicht mein Business, zudem ist mangelnde Relevanz von irgendetwas noch nie ein Grund gewesen, nicht zu existieren. Unkraut vergeht ja auch nicht. Aber mal konstruktiver: Ich denke, wenn man sich noch mal auf die – so wie ich es verstanden habe – ursprünglichen Ziele der Promikon zurückbesinnt und ein paar, z.B. die oben genannten Maßnahmen ergreift, um die Künstler dieser Szene WIRKLICH zu fördern, dann wäre die Promikon nicht nur ein »nice-to-have«, sondern ein »must«.
Das ursprüngliche Ziel der Promikon war es, eine Plattform für missionarische Konzertarbeit zu sein. Was sind denn Erfolgskriterien dafür?
Wenn es darum geht, missionarische Arbeit zu fördern, müssten die Künstler mit ihren Konzerten ja Leute erreichen, die nicht schon Christen sind. Und dafür eben auch mit den Verantwortlichen der säkularen Szene zusammentreffen und –arbeiten. Da sich christliche Künstler aber zu gefühlten 95% auf christlichen Festivals, Veranstaltungen und Konzerten rumtreiben, dürfte das schwierig sein. Sie gehören in den stinknormalen säkularen Rahmen – da könnten sie einen Unterschied machen. Insofern ist eine Messe, auf der christliche Künstler mit christlichen Veranstaltern, Verlagen usw. zusammenkommen, nicht das effektivste Mittel für diese Ziele, oder wie siehst du das?
Unter dem Aspekt der Mission sicherlich nur bedingt. Meine Hypothese ist, dass christliche Musik hinsichtlich ihrer Identität extremer werden muss. Entweder - ganz wie Du sagst - wirklich raus in einen säkularen Rahmen oder stärker zurück in die lokalen Gemeinden. Entweder Mission oder Dienst in und an der Kirche. Bloße Unterhaltungsmusik gibt es schon ausreichend und genug, zudem ist säkulare meist viel besser als die christlichen Kopien. Das ist jetzt sehr spitz formuliert, aber genau hier liegt die derzeitige Identitätskrise der christlichen Musik.
Nun gut, ich denke, die ein oder andere Speerspitze der christlichen Musik könnte sich zwischen der säkularen Unterhaltungsmusik einen Platz ergattern. Aber ich verstehe was du meinst und wie so häufig ist vermutlich der Mittelweg der Richtige. Diese Szene muss zu einer fließenden Existenz zwischen musikalischem Gemeindeleben und säkularer Profimusikwelt kommen. Nicht in einem gemischt-verwaschenen Sinne, sondern in einem geteilten: die richtig guten, originellen christlichen Musiker gehören nach draußen getragen. Die anderen (und das wird wohl leider der größere Teil sein) sollten sich eher intern in ihren Gemeinden engagieren, da hast du Recht. Und das darf nicht unterschätzt werden, ist es doch eine herausragende Möglichkeit eine musikalische Fähigkeit auszuleben, die viele andere Musiker außerhalb der Christenheit nicht haben.
Zum Abschluss: Was ist dir am Samstag positiv aufgefallen?
Gut, dass du danach noch mal fragst. Neben aller strukturellen Kritik, die sich an diesem Event anbringen lässt, gab es vieles, was diesen Tag für mich persönlich sehr gut gemacht hat. Zunächst einmal ist da unser herausragendes Team von SOUND7.DE gewesen: Man darf nicht vergessen, dass SOUND7.DE ein Online-Medium ist, dessen ehrenamtliche Mitarbeiter sich über die ganze Bundesrepublik und darüber hinaus verteilen – zusammen mit den mangelnden finanziellen Mitteln ist das ein Grund dafür, warum sich die persönlichen Begegnungen mit SOUND7.DE-Mitarbeitern pro Jahr an 1-2 Händen abzählen lassen. Dass ich am Samstag gleich so eine große Bande meiner tollen Kollegen treffen konnte, war super und mir waren die engagierte Zusammenarbeit, die Gespräche und Witze wie immer eine große Freude! Vielen Dank, Leute! Darüber hinaus waren mir die Begegnungen mit all den Künstlern, mit denen ich mich persönlich unterhalten konnte, alle sehr wertvoll – es ist mir wichtig, zu wissen, wie sie denken. Insbesondere eine Viererbande stach da hervor – wer hätte gedacht, dass Schwaben und Berliner dermaßen auf einer Wellenlänge sind? ;) In diesem Sinne hat sich der Besuch der Promikon auf jeden Fall gelohnt. Was hat dir denn gefallen?
All das, was ein Klassentreffen interessant macht: die vielen Gespräche, das Treffen vieler alter Freunde und Bekannter, der gute Austausch von Ideen und Überlegungen. Nicht zuletzt auch die Tatsache, dass es sich lohnt, im Anschluss solch ein Gespräch zu führen.
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