Gott war in dem Ganzen
Martin Smith im Interview
Von Corinna Scharrenberg 01.12.2009
Freitag, der 13. November 2009, Heilbronn: In wenigen Stunden wird hier das letzte »delirious?«-Konzert in Deutschland stattfinden. Doch bevor die fünf Briten auf die Bühne gehen, nimmt sich Sänger Martin Smith Zeit, um sich mit uns zu unterhalten.
Hallo Martin, wie geht es dir so kurz vor eurem letzten Konzert hier in Deutschland?
Traurig und glücklich. Ich habe das in diesem Jahr schon so oft gesagt, weil ich Teil einer tollen Band bin, tolle Jungs und wir machen tolle Musik. Und deswegen ist es traurig, mit so etwas Großartigem aufzuhören. Doch manchmal muss man diese großen Entscheidungen treffen, um noch Größeres zu tun – das war in diesem Jahr die Spannung. Und es ist natürlich voller Emotionen. Gestern in Bremen war es schon emotional, all die Menschen zu sehen, die man nicht mehr sehen wird. Es ist auch schwierig.
Vor eineinhalb Jahren habt ihr das Ende von »delirious?« verkündet? Kannst du schon realisieren, dass »delirious?« in paar Tagen vorbei ist, Geschichte ist?
Ja, das kann ich, weil ich mich innerlich darauf schon sehr lange vorbereite. Aber frag mich das noch mal am Tag danach. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlen wird, denn es ist ja ein großer Teil unseres Lebens.
Was kommt direkt nach eurem Abschlusskonzert? Erstmal Familienzeit und zur Ruhe kommen?
Ja, so wird es sein. Wir haben sechs Kinder und deswegen ist bei uns zu Hause sowieso immer viel los. Von dem her wird es nichts mit nach Hause kommen und Nichtstun. Aber wir haben viel Spaß. Und dann werden wir uns auf Weihnachten vorbereiten. Meine Frau kauft aber dankenswerterweise die Geschenke.
Was werdet ihr fünf nach »delirious?« machen? Ich habe gehört, dass einige eine neue Band gründen und du hast ja »CompassionArt« …
Ja, Stu G. und Jon haben mit zwei Amerikanern eine neue Band gegründet, die »One sonic society« heißt. Das wird sicher toll. Ich habe schon einige ihrer Lieder gehört und die sind richtig gut. Tim, der Keyboarder hat in England schon ein großes Musik-Festival namens »The big church dayout« gegründet, das immer größer wird. Evans, der Schlagzeuger wird weiter spielen. Ich habe ein Studio bei mir zu Hause. Für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass Menschen aus der ganzen Welt zu mir nach Hause kommen, um zu schreiben, Musik zu machen und aufzunehmen. Auch jüngere Künstler, wie »Leeland«, die einfach kommen, mit unserer Familie sind, Musik machen und ähnlich wie bei »CompassionArt« gemeinsam schreiben. Für mich ist es nun die Zeit, dass, was Gott mir gegeben hat, weiterzugeben.
1995 hast du nach einem Autounfall beschlossen, deinen Job aufzugeben, dein »kingdom of comfort« zu verlassen, um vollzeitlich »delirious?« zu machen. Hast du dir damals vorstellen können, dass »delirious?« einmal so groß werden würde? Was Gott für euch parat hatte?
Nein, nein. Ich denke, wir wussten immer, dass Gott noch etwas parat hatte. Denn immer wenn wir spielten, gab es eine Reaktion – Gott war in dem Ganzen, da ging etwas Gutes ab. Und du weißt nicht, wohin das führt. Und vielleicht ist das auch gut so, weil du sonst zu Tode erschrecken würdest.
Wie ist es nun für dich, wenn du zurückschaust? Ihr seid über die ganze Welt getourt, wart auf einer Bühne mit »Bon Jovi«, hattet mit »Inside Outside« einen Radiohit in Deutschland …
Es ist macht mich unglaublich dankbar und ist unbegreiflich, weil ich weiß, dass wir es nicht hätten alleine schaffen können. Ich wusste, dass Gott in der Mitte des Ganzen ist und uns diese Möglichkeiten gegeben hatte. Wir haben quasi zwei Leben – ich habe zwei Leben, die mich ausmachen. Da gibt es den öffentlichen Martin Smith, der all das hier macht. Aber mehr als 90 Prozent machen den anderen aus und der bin ich, wenn ich zu Hause bin, sehr privat, in meiner Gemeinde, wenn wir Leute zum Abendessen einladen. Manchmal kann ich auch den anderen Charakter vergessen, aber jetzt bin ich auf Tour und es ist wieder unglaublich, das die ganzen Menschen kommen, um uns zu sehen – das ist wirklich unglaublich ergreifend.
Die letzten beiden Alben hatten einen Fokus darauf, rauszugehen, Verantwortung zu übernehmen und den gesamten Aspekt von Mission. Wie kam das, hast du die Not der Welt gesehen und …
Ich denke, ich habe einfach nur das gemacht, was jeder andere getan hätte. Ich bin an diese Orte gereist, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich habe Kinder in den Arm genommen, die HIV positiv waren und in der nächsten Woche sterben würden. Ich habe Frauen gesehen, die in unglaublichen Umständen lebten. Und ich denke, da muss man etwas tun. Ich kann nicht einfach in das Flugzeug steigen und nach Hause fliegen. Das war es. Meine Frau und ich entschieden, dass wir das nicht alleine machen können und so haben wir unsere Freunde, Michael W. Smith, Chris Tomlin, Matt Redman, Tim Hughes und so weiter angerufen und haben »CompassionArt« gegründet. Und wir Künstler … das Tolle war, dass wir es zusammen als Team gemacht haben. Wir haben nicht einfach etwas versucht, wir haben einander gebraucht.
Wenn heute Abend eure Fans hier sein werden und »History Maker« singen, hofft und betet ihr dann, dass sie nicht einfach nur ein tolles Lied mitsingen, sondern auch wirklich rausgehen und Geschichte schreiben?
Ja, für mich ist dieses Lied der Ruf. Das ist das Lied, das alle zur Aktion ruft. Hier geht es nicht um uns auf der Bühne oder die Band oder das Licht oder das Soundsystem – hier geht es um euch. Deswegen ist das Lied so mächtig, weil es das Lied einer ganzen Bewegung ist. Es ist wirklich größer als wir als Band.
Wie behältst du die Konzerte in Deutschland in Erinnerung? Gibt es etwas Besonderes, an das du dich erinnerst?
Wir haben hier immer gerne gespielt und die großen Festivals hier sind fantastisch. Die Zuschauer waren immer sehr Rock’n’Roll und voll dabei. Das ist so gegensätzlich vom amerikanischen Publikum, wo alles so höflich und christlich ist. Und dann kommen wir nach Deutschland und es ist Rock’n’Roll. Wir haben das immer geliebt, weil es um die Musik geht. Und der coole Anklang, der »Inside Outside« hier hatte, der hat uns total überrascht. Wir hatten keine Ahnung, dass so etwas passieren würde oder das Lied im Radio gespielt würde. Und das war einfach großartig. Wir haben lange und hart gearbeitet und daraus entstand nun dies … das hat viel Spaß gemacht.
Für diese Frage bist du bist schätzungsweise nicht der Richtige, aber sie kam von einem unserer User: Wieso haben fast alle von euch eine Glatze?
Ah (lacht) … das nennt man das Alter. Zu viel Reisen und Fliegen um die Welt. Das hat seinen Preis. Ich weiß, es ist verrückt. Aber ich habe auch nur noch zwei Jahre und dann erscheine auch ich wieder als Mann mit Glatze.
Dann bin ich mal gespannt. Vielen Dank für das Gespräch und die vielen Jahre »delirious?«
Links ins Web
http://www.delirious.co.uk
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