Faszinierende Normalität
Live-Recording mit Judy Bailey, Babybäuchlein und talentierten Freunden
Von Steffen Richter 05.10.2006
Wenn denn eine Pressekonferenz aussagekräftiges Indiz für die Atmosphäre und schlussendlich auch Qualität eines Musikkonzertes sein kann, würde einer Handvoll Medienvertreter vor dem ersten von drei Abenden Live-Recording Großartiges ins Haus stehen. Eine knappe Stunde hatten sich Judy Bailey, ihr Gatte Patrick Depuhl, der musikalische Gast Jimmy Kelly, Drummer Daniel Jakobi und der englische Alleskönner Steve McGregor Zeit genommen, um über das Projekt »Liveplatte« zu reden. Lustig war es und ziemlich entspannt – mehr als ein Vorgeschmack auf eine grandiose Liveshow, die geschätzte 300 Zuhörer zwei Stunden später auf die Ohren bekamen.
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»Uns war es wichtig, die besondere, die intensive Atmosphäre während unserer Konzerte auf einer CD festzuhalten«, konstatierte die Protagonistin noch vor dem ersten gespielten Akkord.
Um es vorwegzunehmen: Dieses Ziel wurde eindrucksvoll erreicht. Dafür zeichneten neben der Stammbesetzung der Judy Bailey-Band eben vor allem die bereits angesprochenen Gäste verantwortlich und dokumentierten damit eindrücklich, dass auch die unwiderstehlichsten Songs, eine Atmosphäre kurz nach dem Überkochen und selbst die dichteste Intensität steigerbar sind.
Klar, der extrovertierte Rap-Guru Metaphysics, in Lohn und Brot bei Mannheims Söhnen, war der offensichtlichste Star des Abends, trotz oder gerade wegen seines klischeebehafteten Äußeren. Bei dem jungen Mann steckt aber große Klasse und unfassbares Entertainment-Potenzial hinter dem glänzenden Schein. Am spürbarsten aber machte Gitarrist Kosho deutlich, woran es den stets soliden Arbeitern an Judys Seite jenseits von Live-Aufnahmen möglicherweise fehlt: an Präsenz, die Standards setzt und einer Technik, die begeistert. Michael Koschorreck ist das »weltmusikalische Ein-Mann-Orchester«, wie die ansonsten mit Lobhudelei eher defensive Frankfurter Rundschau unlängst anerkennend in die Welt posaunte. Und das linkeste Blättchen in Frankfurt Town trifft damit ziemlich genau ins Schwarze. Wenn es denn überhaupt eines Beweises für diese These bedurfte, wurde er an diesem Freitagabend in Mittelhessen erbracht.
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Die Auswahl der Songs für das Album dürfte den involvierten Menschen nicht wirklich leicht fallen. »Unsere Grenze ist von technischer Natur und liegt bei 74 Minuten«, hatte Patrick Depuhl im Pressegespräch nüchtern festgestellt. Diese Grenze wurde am ersten Abend locker passiert. Umschmeichelt von einer Stimmung, wie sie nur ein begeistertes Auditorium fabrizieren kann. Spannung und Neugier betreffen also nicht nur Judys Nachwuchs, der sich parallel zur Albumveröffentlichung Anfang 2007 angekündigt hat.
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So war dieser bemerkenswerte erste Teil der Live-Trilogie von faszinierender Normalität. Weil Judy Bailey ihr Niveau auch über die Tage von Wetzlar hinaus halten wird und diese Klasse aufgrund ihrer Kontinuität und Individualität immer begeistert. Wir Christenmenschen im Abendland sind eben nicht wirklich verwöhnt. Und so freuen wir uns ganz doll, dass die elendig hohe Latte endlich mal wieder von Geschwistern im Herrn gerissen wurde.
Fotos © AlexKuehr.com
Links ins Web
www.judy-live.de
www.alexkuehr.com
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