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Dr. Giovanni Vindigni im Interview

»In Deutschland brauchen wir eine junge Generation kühner Christen«


Von Benjamin Lechner 21.02.2005


Mittlerweile macht die Gameindustrie mehr Umsatz als die Filmindustrie und nur knapp weniger als die Plattenindustrie. Platten- und Gameindustrie wachsen mehr und mehr zusammen. So in den USA und Japan: Diverse Maintitel-Songs von Computerspielen schafften es dort in die Charts. Genau in dieser Szene ist Dr. Giovanni Vindigni tätig.


Dr. Giovanni Vindigni bei Giga TV
Du bist den meisten unserer Leser absolut unbekannt. Stell dich doch mal in drei Sätzen kurz vor.

Mein Name ist Giovanni. Beruflich bin ich zweigleisig orientiert. Ich bin promovierter Theologe und Dipl. Musiker (Gitarre- und Kompositionslehre).

Musik und Theologie – wie kommt man zu dieser doppelten Berufung?

Ich arbeite ehrenamtlich als Dozent für NT und Bibl. Theologie an der Theologisch-Misssionswissenschaftlichen Akadmie, helfe überregional bei Fragestellungen hinsichtlich möglicher Gemeindeorientierungen, bin aber hauptberuflich, vom finanziellen Status her, als Produzent für die Game- und Werbebranche tätig.

Wie kommt man als Theologe denn in die Gamebranche?

Meinen Einstieg ins professionelle »Gamebiz« entstand aufgrund meiner Tätigkeit als Studiogitarrist. Eines Tages wurde ich quasi von der Spieleindustrie entdeckt.

Wie muss man sich als solitär-spielender Otto-Normal-Verbraucher diese Spielindustrie genau vorstellen?

Die Computerspieleindustrie macht seit etwa 5 Jahren mehr Umsatz als die Filmindustrie und in diesem Jahr wahrscheinlich sogar mehr Umsatz als die Plattenindustrie. Die Bereiche »Animation«, Musik sind mittlerweile so fortgeschritten, dass für Kinoproduktionen sich auch dieser Elemente und Engines bedient wird.

Hinzukommt, dass diverse Computerspiele auch verfilmt wurden (z.B. »Final Fantasy«). Seit einigen Jahren gibt es auch einen der vielen Grammies für Gamemusic. Gamemusic hat es in Japan und in den USA in die Top-20-Charts geschafft und so weiter. Kurz: der potentielle Musikhörer ist bei den Games zu finden ist, besonders Liebhaber der rockigen Töne.

Was machst du dort?

Meine Aufgabenbereiche beinhalten die Umsetzung von Gamemusic, die je nach Titel des Spiels aber meist von typischen »Hollywood-Scores«, also orchestrale Filmmusik, über Rockfusion mit D&B-Einlagen bis hin zu meinem eher 'privaten' Style geht. Die Gamemusic entsteht zu 99% durch mich alleine, das heißt ich komponiere die Arrangements, spiele alle Instruments ein, mische und mastere die Gamemusics.

Viele Christen in Deutschland sehen eine Gefahr in Computerspielen. Siehst du darin ein Problem?

Ich erinnere hier nur an das Drama des Amokläufers in Erfurt und die sehr starke Fokussierung der Tat auf den Faktor Fernsehen und Game in der christlichen Presse. Grundsätzlich wird häufig nicht richtig differenziert, geschweige denn sich anständig mit der Materie auseinandergesetzt. Oft melden sich Leute zu Wort, die ein Spiel und ein Gamedevelopment nie richtig betrachtet haben, geschweige denn die unterschiedlichen Genres kennen.

Aber diese Vorgehensweise von differenzierter und systematsicher Refleketion haben wir in unseren Kreisen in der Kirchengeschichte häufig erlebt. Man überlege wie Christen in anderen Epochen unseres letzten Jahrhunderts mit der Kultivierung des Kinos, des Tvs, der Popularmusic, e cetera umgegangen sind.



Was heißt das für dich, der du in dieser Branche arbeitest, dann persönlich?

Für mich als Christ und Theologe ist Gott daseinsbestimmende Wirklichkeit. Gott ist es, der den Glauben als daseinsbestimmendes Vertrauen in den Menschen freisetzen kann und dies möchte. Aber wie sollen Menschen durch Christen und Gemeinden Gott erkennen können?

Wie sollen sie eine mögliche Begegnung erleben können, wenn Christen die gegenwärtige Lebenswirklichkeit nicht recht wahrnehmen? Inkulturation des Christentums in unsere Gesellschaft bedeutet auch unvoreingenommen die gegenwärtige Lebenswirklichkeit als Christ zu kennen und nicht den neuen Wein in alte Schläuche zu füllen.

Dies ist aber dann nicht der Fall, wenn man mit so häufig »dämonisch« begründeter Angst, Bereiche der Lebenswirklichkeit betrachtet oder sich mit dieser auseinandersetzen will.

Also, woran hängt es?

In Deutschland brauchen wir eine junge Generation kühner Christen, denen man auch gemeindlich Chancen gibt in Freiheit ihre Visionen, neuartigen Ideen und Inspirationen entwickeln zu dürfen. Wo sind zum Beispiel die aktiven Christen in den Spieleentwicklerforen? Wo sind Christen bei Konferenzen aktiv, bei denen es auch gelegentlich thematisch um medienethische Fragestellungen geht? Wo sind die Christen, die in der Spieleindustrie als solches aktiv sind?

Wir brauchen ein Christentum in unserem Land, welches nicht ständig alles verbietet und schlecht redet, sondern welches Besseres bietet und zwar nicht um den Christen ein Alternativprogramm zu bieten, sondern die eine positive Alternative der Welt anbieten.

Ich hoffe, dass in Zukunft einige Christen mehr den Mumm besitzen in der Spieleindustrie zu arbeiten. Dies würde aber bedeuten, dass Eltern bereits im jungen Alter dieses Interesse fördern sollten – und genau da sehe ich »noch« das Problem. Hier ist Aufklärung und Ermutigung wichtig.

Wie erklärst du dir diese Entwicklung?

Ich denke, dass seit der Zeit der postmodernen Aufklärung viele Kirchen resigniert haben und daraus verlernt haben, die Welt wahrzunehmen. Christsein und Kultur ist in weiten Teilen unserer gemeindlichen Landschaft eine »Zeitreise in die Vergangenheit« – leider.

Neben dem Gamemusic-Bereich machst du auch noch selbst Musik. Was gibt es neues?

Momentan arbeite ich in meinem Studio in Kiel mit o.e. Drummer Volker Starr (zu hören u.a. im Pro7-Song »Love to entertain you«) und dem Bassisten Thomas Bartz an einem Konzert-Programm. Zur nächsten Promikon wollen wir gerne dort die Veranstaltung rocken lassen. Ein rockiges Gewitter mit sehr viel Virtuosität wird es zu hören geben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interaktiv:

Nicht nur viele Worte, sondern auch viel zu sehen: Schaut und hört rein in einige Produktionen von Giovanni Vindigni:

  • Kino-Spot zum Computerspiel »Alexander«
  • TV-Spot zum Computerspiel »Breed«
  • private Rockvirtuosenmusik mit Volker Starr und Thomas Bartz


    Links ins Web
    http://www.breedgame.de/deutsch/interview.php
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